Warum zu wenig Herausforderung genauso erschöpfen kann wie zu viel
«Ich sitze acht Stunden ab und bin abends trotzdem völlig erledigt.» – «Ich klicke Fenster auf, damit es nach Arbeit aussieht.» – «Ich kann mich ja schlecht beschweren, dass ich zu wenig zu tun habe.»
Über Stress darf man reden. Über Überlastung auch. Aber wer gibt schon gerne zu, dass er sich im Job langweilt? Genau dieses Tabu haben zwei Schweizer Unternehmensberater vor bald zwanzig Jahren angesprochen: Philippe Rothlin und Peter R. Werder prägten 2007 in ihrem Buch «Diagnose Boreout» den Begriff für ein Phänomen, das viele kennen und kaum jemand ausspricht – die krankmachende Unterforderung am Arbeitsplatz. Ein Konzept mit Schweizer Wurzeln also, das seither um die Welt gegangen ist.
1. Die drei Elemente des Boreout
Rothlin und Werder beschreiben Boreout als Zusammenspiel von drei Elementen:
- Langeweile: Die Arbeitszeit zieht sich, die Uhr scheint stillzustehen.
- Unterforderung: Du könntest mehr leisten – qualitativ oder quantitativ – als von dir verlangt wird.
- Desinteresse: Die Identifikation mit den Aufgaben oder dem Unternehmen ist verloren gegangen.
Dazu kommt ein Verhalten, das Boreout so heimtückisch macht: die Verschleierungsstrategien. Betroffene wirken beschäftigt, obwohl sie es nicht sind – Unterlagen liegen demonstrativ auf dem Tisch, E-Mails werden auf den Abend verzögert, private Erledigungen strecken den Tag. Nicht aus Faulheit, sondern aus Scham und Angst: Wer zugibt, zu wenig zu tun zu haben, fürchtet um seine Stelle oder sein Ansehen. Und genau das ist der springende Punkt: Betroffene wollen leisten – sie dürfen nicht. Mit Faulheit hat Boreout nichts zu tun, im Gegenteil.
2. Was die Wissenschaft dazu sagt – ehrlich eingeordnet
Zur Wahrheit gehört: Boreout ist keine anerkannte Diagnose – weder in der ICD-11 noch im DSM-5. Der Begriff stammt aus der Beratungspraxis, nicht aus der klinischen Forschung. Auch belastbare Zahlen, wie viele Menschen «ein Boreout haben», existieren nicht – wer dir konkrete Prozentwerte nennt, rät.
Das heisst aber nicht, dass das Phänomen erfunden wäre. Langeweile bei der Arbeit ist ein etabliertes Forschungsfeld. Die niederländischen Arbeitspsychologinnen Madelon van Hooff und Edwin van Hooft zeigten 2014: Arbeitslangeweile hängt zusammen mit depressiveren Verstimmungen, höherer Kündigungsabsicht und mehr Fehlern bei der Arbeit. Eine grosse Befragung des Beratungsunternehmens Korn Ferry unter mehr als 5’000 Berufstätigen fand zudem, dass sich 43 Prozent regelmässig bei der Arbeit langweilen – ein Hinweis darauf, wie verbreitet das Grundgefühl ist, auch wenn daraus keine Boreout-Prävalenz abgeleitet werden kann.
Kurz: Das Etikett ist populärwissenschaftlich, das Problem dahinter ist real und gut erforscht.
3. Boreout und Burnout: gegensätzlicher Auslöser, ähnliche Endstrecke
Auf den ersten Blick sind Boreout und Burnout Gegenspieler: hier zu wenig Herausforderung, dort zu viel. Tatsächlich ist der Status auch formal verschieden – Burnout ist in der ICD-11 als arbeitsbezogenes Phänomen anerkannt (was genau das bedeutet, liest du im Beitrag Was ist Burnout?), Boreout nicht.
Und trotzdem ähneln sich die Endstrecken verblüffend: Erschöpfung, Sinnverlust, innere Distanz zur Arbeit, gedrückte Stimmung, oft auch körperliche Beschwerden. Der Körper unterscheidet offenbar weniger danach, ob der Dauerstress aus Überlastung oder aus quälender Leere entsteht – chronische Unzufriedenheit zehrt in beide Richtungen. Das macht die Abgrenzung im Einzelfall schwierig: Wer abends erschöpft vom unterfordernden Job heimkommt, hält sich selbst oft für «ausgebrannt». Ein genauer Blick auf die Ursache lohnt sich, denn die Lösungswege sind gegensätzlich: Beim Burnout geht es meist ums Reduzieren – beim Boreout ums Anreichern.
4. Was wirklich hilft
🟢 Job Crafting: Gestalte deine Arbeit aktiv um. Die Arbeitsforschung – etwa um Lotta Harju und Wilmar Schaufeli – zeigt, dass Menschen, die ihre Aufgaben aktiv mitgestalten, deutlich seltener unter Arbeitslangeweile leiden. Konkret: Such dir Aufgaben, die dich fordern. Biete an, ein Projekt zu übernehmen. Verändere, wie du Routinen erledigst. Kleine Gestaltungsspielräume gibt es fast überall – und sie zu nutzen ist der wirksamste erste Schritt.
🟢 Such das Gespräch mit deinen Vorgesetzten. Das kostet Überwindung, weil es das Schweigen bricht. Aber formuliere es als Angebot, nicht als Klage: «Ich habe Kapazität und möchte sie einbringen – wo kann ich mehr Verantwortung übernehmen?» Für die meisten Führungskräfte ist das eine gute Nachricht.
🟢 Investiere in Weiterbildung. Neue Fähigkeiten schaffen neue Aufgabenfelder – und geben dir das Gefühl von Entwicklung zurück, das bei Unterforderung als Erstes verloren geht.
🟢 Frag nach dem Sinn. Oft ist nicht die Menge der Arbeit das Problem, sondern die fehlende Bedeutung. Was an deiner Arbeit ist für wen wertvoll? Und wenn die ehrliche Antwort «nichts» lautet: Vielleicht ist es Zeit für eine grundsätzlichere Standortbestimmung.
Wichtig auch hier: Wenn aus der Leere eine anhaltende Niedergeschlagenheit wird, die dein ganzes Leben erfasst, gehört das professionell abgeklärt. Welche Warnsignale du ernst nehmen solltest, habe ich im Beitrag Burnout erkennen und verhindern beschrieben – viele davon gelten für die Unterforderungs-Variante genauso.
Fazit
Boreout ist keine offizielle Diagnose, aber ein treffender Name für ein reales, gut erforschtes Problem: Dauerhafte Unterforderung und Arbeitslangeweile hängen mit Erschöpfung, Verstimmung und innerer Kündigung zusammen – die Endstrecke ähnelt dem Burnout, der Auslöser ist das Gegenteil. Der Ausweg beginnt dort, wo das Verstecken aufhört: beim ehrlichen Blick auf die eigene Situation, beim aktiven Gestalten der Aufgaben und beim mutigen Gespräch. Langeweile im Job ist kein Charakterfehler – aber sie ist ein Signal, das du ernst nehmen darfst.
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