Ein Beitrag gegen mein eigenes Geschäftsmodell
Ich bin Life Coach. Ich verdiene mein Geld damit, dass Menschen an sich arbeiten. Und ich schreibe jetzt einen Beitrag darüber, wann genau das schädlich wird.
Das ist kein Marketing-Trick, sondern schlicht das, was ich in Coachings am häufigsten sehe. Menschen kommen nicht zu mir, weil sie zu wenig an sich gearbeitet haben. Sie kommen, weil sie seit Jahren an sich arbeiten – mit Tracking-Apps, Morgenroutinen, Podcasts, Büchern, Kursen – und trotzdem das Gefühl haben, hinterherzuhinken.
Lies diesen Beitrag also ruhig kritisch. Ich habe ein Interesse daran, dass du Persönlichkeitsentwicklung gut findest. Umso wichtiger, dass ich die Kehrseite benenne.
Entwicklung und Optimierung sind nicht dasselbe
Der Unterschied klingt nach Wortklauberei, ist aber der ganze Punkt:
- Entwicklung bewegt sich auf etwas zu. Auf einen Wert, eine Beziehung, eine Art zu leben, die zu dir passt. Der Massstab liegt bei dir.
- Optimierung bewegt sich von etwas weg. Von einem Mangel, einem Defizit, einem «noch nicht gut genug». Der Massstab liegt aussen.
Beide sehen von aussen gleich aus. Beide können dieselbe Morgenroutine, dasselbe Journal, dasselbe Training bedeuten. Aber sie fühlen sich völlig anders an – und sie enden anders.
Entwicklung hat einen Zielzustand, in dem man ankommen kann. Optimierung hat keinen. Ein Defizit lässt sich immer weiter verkleinern, nie ganz schliessen. Wer sich von einem Mangel wegbewegt, bewegt sich für immer.
Was die Forschung zum leistungsabhängigen Selbstwert sagt
Die Psychologin Jennifer Crocker hat dafür einen Begriff geprägt, der ziemlich genau beschreibt, was hier passiert: contingent self-worth, auf Deutsch etwa Selbstwertkontingenz. Gemeint ist ein Selbstwert, der an Bedingungen geknüpft ist – an beruflichen Erfolg, an Aussehen, an Anerkennung, an Leistung.
Der zentrale Befund: Je stärker der eigene Selbstwert an solche äusseren Kriterien gekoppelt ist, desto instabiler wird er. Er schwankt mit jedem Feedback, jedem Vergleich, jedem Ergebnis. Untersuchungen bringen hohe Selbstwertkontingenz mit mehr Stress, stärkerer Selbstbeobachtung und einem insgesamt niedrigeren und labileren Selbstwertgefühl in Verbindung.
Zwei Einschränkungen, damit das nicht überinterpretiert wird. Erstens sind das überwiegend Zusammenhänge, keine bewiesenen Ursachen – ob der brüchige Selbstwert aus der Leistungskopplung entsteht oder umgekehrt die Kopplung aus einem ohnehin brüchigen Selbstwert, lässt sich aus Korrelationen nicht abschliessend sagen. Zweitens ist ein Selbstwert, der sich auch aus Leistung speist, nicht per se ein Problem. Problematisch wird es, wenn er sich nur noch daraus speist.
Und genau das ist der Mechanismus, den Selbstoptimierung befeuert: Sie verschiebt den Selbstwert Schritt für Schritt nach aussen, auf messbare Grössen – Schritte, Schlafscore, gelesene Bücher, erledigte Ziele.
Woran du merkst, dass es gekippt ist
Nicht an der Menge dessen, was du tust. Sondern daran, wie es sich anfühlt:
- Ein freier Tag ohne Fortschritt fühlt sich wie ein verlorener Tag an.
- Du hast Routinen, die du hasst, aber nicht lassen kannst, weil «Aufhören» sich wie Rückschritt anfühlt.
- Nach einem erreichten Ziel gibt es keinen Moment der Ruhe, sondern sofort das nächste.
- Du misst Dinge, deren Zahlen du gar nicht mehr anschaust.
- Entspannung ist zu einer weiteren Aufgabe geworden – du «musst» meditieren.
- Du vergleichst dich nicht mehr mit anderen, sondern mit einer besseren Version von dir, die es nicht gibt.
Der letzte Punkt ist der heimtückischste. Vergleiche mit anderen kann man relativieren. Der Vergleich mit dem eigenen Idealbild lässt sich nicht gewinnen, weil das Idealbild mitwächst.
Warum ausgerechnet Achtsamkeit oft mitmacht
Ein unbequemer Punkt für meine eigene Zunft: Achtsamkeit, Meditation und Journaling waren ursprünglich Praktiken des Innehaltens. In der Optimierungslogik werden daraus Werkzeuge zur Leistungssteigerung – Meditation, damit du fokussierter arbeitest. Schlaf, damit du produktiver bist. Erholung als Investition in die nächste Anstrengung.
Damit ist das Prinzip auf den Kopf gestellt. Erholung, die sich rechnen muss, ist keine Erholung. Warum das auch praktisch nicht aufgeht, habe ich hier beschrieben: Die Kunst des Abschaltens.
Was übrigens nicht als Erklärung taugt: die verbreitete Vorstellung, Willenskraft sei ein Vorrat, der sich aufbraucht. Diese Idee – Ego Depletion – hat sich in grossen Replikationsversuchen nicht bestätigt. Wenn dir am Abend die Kraft fehlt, ist das real, aber die Erklärung liegt woanders.
Was hilft
Frage nach dem Massstab. Wenn du etwas Neues anfangen willst: Wessen Massstab ist das? Wenn die ehrliche Antwort «der von jemand anderem» ist, wird es dich Kraft kosten und nicht welche geben.
Setze einen Zielzustand, in dem du ankommen kannst. «Fitter werden» hat kein Ende. «Zweimal pro Woche laufen, weil ich danach besser schlafe» hat eines. Der zweite Satz ist erreichbar, der erste nicht.
Miss weniger. Nimm eine Tracking-App weg und schau, was passiert. Bei den meisten Menschen: nichts. Das ist die Information.
Übe den Ton, in dem du mit dir sprichst. Das ist keine Weichspülerei – Selbstmitgefühl ist einer der besser belegten Hebel der letzten zwanzig Jahre, und es macht nachweislich nicht faul. Mehr dazu: Selbstmitgefühl statt Selbstkritik.
Prüfe, ob es Perfektionismus ist. Sehr oft ist Selbstoptimierung nur die zeitgemässe Verpackung eines alten Musters: Perfektionismus – Fluch oder Segen?
Erlaube dir, genug zu sein – und trotzdem zu wachsen. Das ist kein Widerspruch. Es ist der Unterschied zwischen Entwicklung und Optimierung.
Fazit
Selbstoptimierung ist nicht deshalb problematisch, weil Arbeit an sich selbst schlecht wäre. Sie wird problematisch, wenn der Massstab nach aussen wandert und der Selbstwert an messbare Ergebnisse gekoppelt wird. Dann entsteht ein Prozess ohne Ziellinie – und Erschöpfung ist nicht das Risiko, sondern das absehbare Ergebnis.
Die Frage ist nicht, ob du an dir arbeitest. Sondern ob du dabei auf etwas zugehst oder vor etwas davonläufst.
Wenn du merkst, dass du seit Jahren an dir arbeitest und trotzdem nicht ankommst, ist das ein guter Zeitpunkt für ein Gespräch – nicht für die nächste Routine. Das Kennenlerngespräch ist kostenlos und unverbindlich.
Dein Fortschritt ist meine Freude.
