Wenn sich etwas verschiebt – und niemand genau sagt, was
«Ich erkenne mich manchmal selbst nicht wieder.» – «Ich schlafe schlecht, bin dünnhäutig und vergesse Wörter – bin ich jetzt einfach so?» – «Wahrscheinlich sind es nur die Hormone.»
Vorweg: Ich bin Mann und kein Arzt und werde nie aus eigener Erfahrung wissen, wie sich die Perimenopause anfühlt. Was ich kann: die Forschung sauber zusammentragen, die medizinische Grenze benennen – und zeigen, was Coaching in dieser Lebensphase leisten kann und was nicht. Denn das Thema kommt in meiner Praxis öfter an, als man denkt.
Was Perimenopause überhaupt ist
Die Perimenopause ist die Übergangszeit vor der letzten Regelblutung: Die Zyklen werden unregelmässig, die Hormonspiegel schwanken, erste Symptome tauchen auf. Sie endet ein Jahr nach der letzten Menstruation. Laut WHO erleben die meisten Frauen die Menopause zwischen 45 und 55 Jahren, als natürlichen Teil des Älterwerdens, nicht als Krankheit. Die Perimenopause kann mehrere Jahre dauern. In der Schweiz kommt die letzte Blutung laut Universitätsspital Zürich im Schnitt im 52. Lebensjahr; etwa drei von vier Frauen berichten von Beschwerden wie Hitzewallungen, Schlafstörungen oder Stimmungsschwankungen. Manche haben kaum Symptome, andere leiden erheblich.
Um den Zyklus davor geht es im Beitrag Zyklus und Stimmung: PMS oder PMDS? – hier um das, was danach kommt.
Was sich wirklich verändert: die Datenlage
Das Fenster erhöhter Verletzlichkeit ist real. 2018 veröffentlichten die North American Menopause Society und ein Expertengremium um Pauline Maki die ersten Konsensus-Leitlinien zur perimenopausalen Depression (co-publiziert in Menopause und Journal of Women’s Health). Ihre Kernaussage: Die Perimenopause ist ein Zeitfenster erhöhter Anfälligkeit für depressive Symptome und depressive Episoden – auch bei Frauen ohne frühere Depression.
Die Grundlage dafür sind Längsschnittstudien. In der Penn Ovarian Aging Study begleitete Ellen Freeman 231 Frauen ohne Depressionsgeschichte über acht Jahre: Deutlich erhöhte Depressionswerte traten im Übergang rund viermal so häufig auf wie davor (Odds Ratio 4,29), eine diagnostizierte depressive Störung rund zweieinhalbmal so häufig (OR 2,50) – veröffentlicht 2006 in Archives of General Psychiatry. Die grosse SWAN-Studie mit über 3’300 Frauen fand ähnliche, wenn auch schwächere Effekte: In der späten Perimenopause lag die Wahrscheinlichkeit für klinisch relevante depressive Symptome etwa 1,7-mal höher als vor den Wechseljahren (Bromberger et al., 2007).
Aber: Die meisten Frauen entwickeln keine Depression. Die SWAN-Forschenden halten ausdrücklich fest, dass die Mehrheit der Frauen in der Lebensmitte keine hohen Depressionswerte hat. Und Maki selbst betont, dass depressive Symptome in dieser Phase zwar häufig sind, aber meistens nicht die Kriterien einer Depression erfüllen. Erhöhtes Risiko heisst nicht Schicksal.
Schlaf und Hitzewallungen sind oft die Brücke. Die Zusammenfassung der Leitlinien hält fest: Rund 80 Prozent der Frauen erleben Hitzewallungen; wenn sie nachts als Schweissausbrüche auftreten, zerreissen sie den Schlaf – und anhaltender Schlafmangel trägt zur Entstehung oder Verstärkung depressiver Symptome bei. In der SWAN-Studie war die Wahrscheinlichkeit für depressive Symptome bei Frauen mit Hitzewallungen oder Nachtschweiss rund 1,8-mal höher. Was chronisch schlechter Schlaf mit der Psyche macht, steht im Beitrag Schlaf und mentale Gesundheit.
«Brain Fog» ist real – und meist vorübergehend. Vergessene Wörter, verlegte Schlüssel, zäheres Denken: Das ist keine Einbildung. Gail Greendale und Kolleginnen testeten in der SWAN-Studie über 2’300 Frauen vier Jahre lang (Neurology, 2009): In der Perimenopause lernten die Frauen bei wiederholten Tests weniger dazu als vorher – Verarbeitungsgeschwindigkeit und verbales Gedächtnis stagnierten. Nach der Menopause erholte sich die Leistung wieder auf das vorherige Niveau. Die Autorinnen und Autoren schliessen: Die kognitiven Schwierigkeiten des Übergangs sind wahrscheinlich zeitlich begrenzt.
Was sich nicht verändert: Du wirst nicht «hysterisch»
Das Klischee der «hysterischen Frau in den Wechseljahren» hält sich hartnäckig – und es hält der Datenlage nicht stand. Die Forschung zeigt keine Frauen, die durch Hormone die Kontrolle verlieren, sondern eine Phase, in der Schlaf, Körper und Hormone gleichzeitig in Bewegung sind und das Nervensystem weniger Puffer hat. Und sie zeigt etwas, das im Klischee fehlt: In der SWAN-Studie wogen sehr belastende Lebensereignisse deutlich schwerer als der Menopausenstatus – zwei oder mehr solche Ereignisse erhöhten die Wahrscheinlichkeit depressiver Symptome rund viereinhalbfach. Auch finanzielle Sorgen und eine negative Einstellung zum Älterwerden und zu den Wechseljahren wogen schwerer. Die Leitlinien nennen es direkt: Lebensstressoren, geringe soziale Unterstützung und körperliche Erkrankungen hängen stark mit Depression in der Perimenopause zusammen.
Das passt zur Realität vieler Frauen zwischen 45 und 55: Kinder ziehen aus oder brauchen gerade jetzt viel, Eltern werden pflegebedürftig, im Beruf steht die Frage «War’s das jetzt?» im Raum, die Partnerschaft wird neu verhandelt. Vieles davon ist unsichtbare Organisationsarbeit, der Mental Load. Nicht jede Stimmungsveränderung ist hormonell. Manches ist schlicht die Reaktion eines gesunden Menschen auf zu viel gleichzeitig. Wer alles den Hormonen zuschreibt, übersieht, was veränderbar wäre.
Wo die medizinische Grenze liegt
- Anhaltende Niedergeschlagenheit, Interessenverlust, Hoffnungslosigkeit über mehr als zwei Wochen gehören zur Hausärztin, zum Gynäkologen oder in die Psychotherapie, besonders wenn du schon früher eine Depression hattest: Die meisten Frauen mit einer depressiven Episode in der Perimenopause hatten laut den Leitlinien schon einmal eine. Zur Abklärung gehören das Menopausenstadium, die körperlichen und psychischen Beschwerden und ein validierter Fragebogen. Bewährte Behandlungen – Psychotherapie, allenfalls Antidepressiva – bleiben die erste Wahl.
- Schwere Schlafstörungen und belastende Hitzewallungen sind ein ärztliches Thema. Die britische NICE-Leitlinie empfiehlt hier neben medizinischen Optionen auch menopause-spezifische kognitive Verhaltenstherapie.
- Hormontherapie ist eine medizinische Entscheidung zwischen dir und deiner Ärztin oder deinem Arzt – mit individueller Nutzen-Risiko-Abwägung. Sie ist keine Standardbehandlung für Depressionen: Die Leitlinien sehen zwar Hinweise auf eine stimmungsaufhellende Wirkung von Östrogen in der Perimenopause, vor allem bei gleichzeitigen Hitzewallungen, halten aber fest, dass Östrogen bei Frauen nach der Menopause gegen depressive Störungen nicht wirkt. Von mir gibt es dazu keine Empfehlung – und auch keine zu Nahrungsergänzungsmitteln.
- Bei Suizidgedanken: Bitte sofort Hilfe holen. Die Dargebotene Hand ist rund um die Uhr unter 143 erreichbar, in akuten Notfällen die 144.
Wie sich Coaching und Therapie grundsätzlich unterscheiden, steht im Beitrag Coaching oder Therapie?.
Was Coaching in dieser Phase leisten kann
Coaching behandelt weder Hormone noch Depressionen. Was es kann, ist in dieser Lebensphase oft genau das, was fehlt:
- Sortieren, was veränderbar ist und was nicht. Was ist Körper, was ist Schlafmangel, was ist die Pflege der Mutter, was ist der Job? Allein diese Trennung nimmt vielen die diffuse Angst, «einfach nicht mehr zu funktionieren».
- Schlaf- und Stressroutinen bauen, die zum Alltag passen – nicht als Wundermittel, sondern als Puffer, damit das Nervensystem wieder mehr Spielraum hat.
- Grenzen ziehen. Wenn die Kraft knapper ist, ist die Frage «Wofür will ich sie einsetzen?» keine Schwäche, sondern Klarheit. Dazu passt Grenzen setzen ohne Schuldgefühle.
- Selbstmitgefühl statt Selbstabwertung. Wer sich für vergessene Wörter oder eine kurze Zündschnur zusätzlich fertigmacht, verdoppelt die Last. Mehr dazu in Selbstmitgefühl statt Selbstkritik.
- Identität im Übergang. Wer bin ich, wenn sich Körper, Rolle und Tempo verändern? Das ist keine medizinische Frage. Es ist eine, die Raum braucht.
Wie ich arbeite und welche Themen ich begleite, steht unter Life Coaching in Wetzikon und online.
Ein Abendprotokoll für drei Wochen
Führe drei Wochen lang ein kurzes Abendprotokoll: Schlaf, Hitzewallungen, Stimmung, was am Tag los war – je ein Wort. Danach siehst du Muster, die im Alltag unsichtbar sind – und hast etwas Konkretes in der Hand für das Gespräch mit deiner Ärztin.
Fazit
Die Perimenopause verändert wirklich etwas: Das Risiko für depressive Symptome steigt, der Schlaf leidet, das Denken fühlt sich zeitweise zäher an – all das ist gut belegt und keine Einbildung. Genauso belegt ist: Die meisten Frauen entwickeln keine Depression, der Brain Fog geht meist vorbei, und Lebensumstände wiegen oft schwerer als Hormone. Zwischen «alles ist hormonell» und «stell dich nicht so an» liegt der ehrliche Weg: hinschauen, unterscheiden, Hilfe holen, wo sie hingehört.
Fühlst du dich gerade selbst fremd? Im Coaching sortieren wir gemeinsam, was an deiner Situation Körper, was Belastung und was veränderbar ist – und was davon zu deiner Ärztin gehört. Ohne Dramatisierung, ohne Esoterik.
Dein Fortschritt ist meine Freude.
![]()
![]()
![]()
![]()
