Wenn das Puzzle erst mit 38 zusammenpasst
«Ich war doch nie hyperaktiv – ich war einfach die Verträumte.» – «Zwanzig Jahre lang hiess es Angststörung, dann Depression. Jetzt sagt man mir, es sei ADHS?» – «Auf TikTok erkenne ich mich in allem wieder. Aber heisst das jetzt etwas?»
Kaum ein psychisches Thema wird gerade so viel diskutiert wie ADHS im Erwachsenenalter – und kaum eines so schlampig. Auf der einen Seite Frauen, die jahrzehntelang mit falschen Etiketten unterwegs waren. Auf der anderen ein Feed, der jede Zerstreutheit zur Diagnose erklärt. Beides ist real, und beides verlangt Sorgfalt – auch von einem Coach, der weder Arzt noch Psychologe ist. Hier also die Fakten, die Grenzen und das, was Coaching beitragen kann.
Was ADHS ist und wie häufig es vorkommt
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine neurobiologisch begründete Entwicklungsstörung, die in der Kindheit beginnt und bei einem Teil der Betroffenen ins Erwachsenenalter fortbesteht. Die Kernbereiche sind Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität – in unterschiedlicher Gewichtung. Das internationale Konsensuspapier der World Federation of ADHD (Faraone et al., 2021) fasst die Studienlage so zusammen: Rund 5,9 Prozent der Kinder und Jugendlichen und rund 2,5 Prozent der Erwachsenen erfüllen die Kriterien. Häufiger geworden ist die Störung in den letzten drei Jahrzehnten nicht – gestiegen ist die Zahl der Diagnosen, weil Fachleute ADHS heute eher erkennen. Auch in der Schweiz ist ADHS längst ein Thema für Erwachsene: Nach Hochrechnungen der Krankenversicherung Helsana für SRF haben inzwischen mehr Erwachsene als Kinder und Jugendliche ein Rezept für entsprechende Medikamente.
Warum Buben auffallen und Mädchen durchrutschen
Hier wird es interessant. In der Kindheit werden deutlich mehr Buben diagnostiziert als Mädchen: In Bevölkerungsstichproben liegt das Verhältnis bei etwa 2:1 (Faraone et al.) bis 3:1 (Young et al.), in klinischen Zuweisungen zum Teil bei 3:1 bis 16:1. Im Erwachsenenalter sind die Geschlechtsunterschiede dagegen «bescheiden oder nicht vorhanden» – so das Expertenkonsensus-Papier zu Frauen mit ADHS (Young et al., 2020, BMC Psychiatry). Wenn sich das Verhältnis mit dem Alter so stark angleicht, spricht wenig dafür, dass ADHS bei Mädchen seltener ist – und viel dafür, dass es später erkannt wird.
Das Papier nennt mehrere Gründe:
- Unauffälligeres Erscheinungsbild. Mädchen und Frauen zeigen häufiger den vorwiegend unaufmerksamen Typ. Das sieht dann nicht nach «Zappelphilipp» aus, sondern nach Verträumtheit, Unordnung, Überforderung oder scheinbar fehlender Motivation.
- Nach innen gerichtete Symptome. Bei Frauen werden öfter internalisierende Probleme berichtet – Ängste, depressive Verstimmung, Selbstzweifel – die dann im Vordergrund stehen.
- Kompensation und Maskierung. Viele Mädchen lernen früh, mit enormem Aufwand zu funktionieren: Listen, doppelte Kontrolle, Anpassung, Überstunden im Kopf. Diese Strategien verdecken die Beeinträchtigung – und verzögern laut Young et al. die Zuweisung.
- Fehletiketten. Frauen erhalten häufiger zuerst eine Diagnose aus dem Bereich Angst, Depression oder Persönlichkeitsstörung. Diese Diagnosen können gleichzeitig zutreffen – aber wenn sie das ADHS verdecken, wird jahrelang am falschen Hebel gezogen.
Wichtig gegen ein Klischee: Nichts davon heisst, dass Frauen «einfach emotionaler» wären. Es heisst, dass die Beobachtungsraster in Schule, Familie und Praxis lange auf das laute Bild geeicht waren.
Hormone: Was dazu bekannt ist und was nicht
Viele Frauen berichten, dass sich Konzentration, Reizbarkeit und Stimmung vor der Menstruation, nach einer Geburt oder in der Perimenopause deutlich verschlechtern. Die Forschung dazu ist jung. Eine niederländische Fallserie (de Jong et al., 2023, Frontiers in Psychiatry) beschreibt bei neun Frauen eine prämenstruelle Verschlechterung der ADHS-Symptome; das Team selbst betont, dass eine Kontrollgruppe fehlt und grössere Studien nötig sind. Auch das Konsensuspapier von Young et al. wertet die Hinweise auf hormonelle Einflüsse als vorläufig. Also: ein ernstzunehmendes Muster, das du beobachten und deiner Fachperson schildern kannst – keine gesicherte Lehrbuchwahrheit. Was die Forschung zum Zusammenhang von Zyklus und Stimmung generell zeigt, liest du im Beitrag Zyklus und Stimmung.
TikTok, Selbsttests und die Sache mit der Selbstdiagnose
Dass viele Frauen ihre Symptome zuerst in Social-Media-Videos wiedererkennen, ist verständlich. Die Qualität lohnt sich trotzdem nüchtern anzuschauen. Eine Untersuchung der 100 populärsten TikTok-Videos zu ADHS (Yeung et al., 2022, Canadian Journal of Psychiatry) kam zum Schluss: 52 Prozent irreführend, 27 Prozent persönliche Erfahrungsberichte, nur 21 Prozent fachlich brauchbar. Der häufigste Fehler, in 37 der 52 irreführenden Videos: Erfahrungen wie Angst, Wut, Stimmungsschwankungen oder Beziehungskonflikte werden als «typisch ADHS» erklärt, obwohl sie bei vielen psychischen Zuständen vorkommen. Keines der irreführenden Videos empfahl eine fachliche Abklärung.
Deshalb drei Ebenen, die man auseinanderhalten sollte:
- Merkmal: Ablenkbarkeit, Vergesslichkeit, Reizoffenheit hat jeder Mensch in irgendeinem Grad.
- Belastung: Erst wenn diese Merkmale dauerhaft und in mehreren Lebensbereichen Leiden oder Beeinträchtigung verursachen, wird es klinisch relevant.
- Diagnose: Sie stellt ausschliesslich eine Fachperson – Psychiaterin, Psychiater oder klinische Psychologin, klinischer Psychologe – nach Kriterien von DSM-5-TR oder ICD-11, mit Anamnese bis in die Kindheit, Ausschluss anderer Ursachen und Blick auf Begleiterkrankungen.
Fragebögen wie die ASRS der WHO sind Screening-Instrumente: Sie sortieren vor, sie diagnostizieren nicht. Mehr zum sinnvollen Umgang mit solchen Tests findest du in Klarheit gewinnen mit Selbsttests.
Hochsensibilität ist nicht ADHS
Weil hier online besonders viel vermischt wird: Hochsensibilität (Sensory Processing Sensitivity) ist ein Persönlichkeitsmerkmal aus der Persönlichkeitsforschung – keine Diagnose in ICD oder DSM. ADHS ist eine klinische Diagnose. Beide können mit Reizüberflutung und Erschöpfung einhergehen, und Studien zeigen, dass die Selbstberichte auf beiden Skalen korrelieren (etwa Panagiotidi et al., 2020, in einer nicht-klinischen Stichprobe von 274 Personen). Das heisst nicht, dass es dasselbe ist – es heisst, dass ein Fragebogen allein die Unterscheidung nicht leisten kann. Wer sich «hochsensibel» nennt, hat kein ADHS erklärt; wer ein ADHS hat, ist damit nicht «einfach hochsensibel». Was das Merkmal genau ist, steht in Was ist Hochsensibilität? und in HSP-Test-Ergebnis verstehen: Was dein Wert bedeutet.
Die Grenze: Was zur Fachperson gehört
Ganz klar, weil es hier keinen Graubereich gibt:
- Diagnose und Behandlung von ADHS – inklusive der Frage nach Medikamenten – gehören zu Psychiaterinnen, Psychiatern und klinischen Psychologinnen und Psychologen. Erste Anlaufstelle kann deine Hausärztin oder dein Hausarzt sein. Coaching stellt keine Diagnose, weder auf Verdacht noch «inoffiziell».
- Depression, Angststörung, PMDS, Wochenbettdepression, Suchtprobleme – häufige Begleiter oder Alternativerklärungen – gehören in ärztliche oder psychotherapeutische Hände. Wie sich PMS und PMDS unterscheiden, erklärt der Beitrag Zyklus und Stimmung: PMS oder PMDS?. Ob Coaching oder Therapie das Richtige ist, klärt der Beitrag Coaching oder Therapie?.
- Zyklusbezogene oder perimenopausale Beschwerden, die stark in den Alltag eingreifen, sind ein Fall für Gynäkologie oder Hausarztpraxis. Was sich in der Lebensmitte an der Psyche verändert, steht in Wechseljahre und Psyche.
Was Coaching beitragen kann
Coaching kann dich auf dem Weg zur Abklärung begleiten – dabei, das Anliegen zu sortieren und die Hemmschwelle zu senken. Nach einer (späten) Diagnose kann es, neben der fachlichen Behandlung, bei Struktur und Selbstorganisation helfen: Tagesarchitektur, Prioritäten, realistische Systeme statt Heldentaten. Und beim schwierigsten Teil: dem Rückblick auf zwanzig Jahre Selbstvorwürfe («ich bin halt chaotisch, faul, zu empfindlich»), die sich im Nachhinein als Erklärungsversuche für etwas Unerkanntes entpuppen. Dazu passt Selbstmitgefühl statt Selbstkritik. Welche Themen ich begleite und wie ein Coaching bei mir abläuft, findest du unter Coaching-Themen, Ablauf und Preise.
So bereitest du eine Abklärung vor
Wenn du eine Abklärung erwägst, führe vorher zwei Wochen ein kurzes Protokoll: Wo genau hakt es (Arbeit, Haushalt, Beziehungen, Finanzen), seit wann, und was hast du an Kompensation aufgebaut? Solche konkreten Beispiele sind für die Fachperson wertvoller als jedes Testergebnis – und sie zeigen dir selbst, ob es um ein Merkmal oder um eine Belastung geht.
Fazit
Dass Frauen ihre ADHS-Diagnose oft erst als Erwachsene bekommen, hat weniger mit ihrem Gehirn zu tun als mit unseren Suchbildern: leiser Typ, nach innen gerichtete Symptome, jahrelange Kompensation, andere Diagnosen zuerst. Gleichzeitig ist nicht jede Zerstreutheit ADHS, und ein Video ist kein Befund. Die gute Nachricht liegt dazwischen: Eine sorgfältige Abklärung ist möglich, und egal was dabei herauskommt – am Umgang mit Struktur, Energie und Selbstkritik lässt sich arbeiten.
Erkennst du dich wieder und weisst nicht, wo anfangen? Im Kennenlerngespräch sortieren wir gemeinsam, was du beobachtest, was davon eine fachliche Abklärung braucht – und wo Coaching dich sinnvoll unterstützen kann.
Dein Fortschritt ist meine Freude.
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